Santiago de Chile
Raus aus dem Labor
Donnerstag, 20. Oktober 2005, 04:05 - Santiago
Damit Planung nicht in die Hose geht, muss Planer auch einmal die Realität kennenlernen. Also ging es für die Verkehrsplaner des neuen Busunternehmens heute mal raus in zwei Betriebhöfe am Stadtrand Santiagos, um vom praktischen Ablauf, den Beteiligten, der "menschlichen Seite" zu erfahren. (Für die technisch weniger Sensibilisierten: Betriebshöfe sind die Orte, an denen Busse rumstehen, wenn sie nicht durch die Gegend gefahren werden. In der Regel werden sie dort auch betankt, gereinigt, gewartet. Außerdem spielt sich dort so einiges Organisatorisches ab, claro que sí, aber es führe jetzt zu weit, weiter darüber zu erzählen - um ein bisschen mit den Worten zu spielen.)


Betriebshof Maipú: viele Busse, alle neu. In drei Tagen beginnt ihr Einsatz. "Transantiago" ist ihr Geburtshelfer.

An so einem Betriebshof erfährt man zum Beispiel die Sorgen oder Verärgerung der Busfahrer. Es spielt hier zum Beispiel eine große Rolle, dass sie des Nachts am Stadtrand nicht ewig lange Pausen haben, weil es ihnen zu gefährlich ist. (Bewachte) Pausenräume gibt es (noch) nicht. Chile gilt zwar als sicherstes Land in Lateinamerika, allenfalls Raub und Kleindelikte häufen sich in den Vororten der großen Städte - aufgrund steigender Kriminalitätsrate erhält das Thema Innere Sicherheit im beginnenden Wahlkampf um die Präsidentschaft aber wachsende Bedeutung. Ansonsten befindet sich das Land schon seit einigen Jahren stark im Aufwind, wobei sich das wohl zu einem (zu) großen Teil auf Santiago konzentriert.


Unser Team von ALSACIA/EXPRESS de Santiago. Macht Spaß mit ihnen. (Äh: An diesem Foto zeigt sich einerseits das Bemühen des Fotografen, das Motiv geschickt zu inszenieren, andererseits treten schwere handwerkliche Fehler zu Tage - Stichwort Füße.)

Außerhalb der Innenstadt ist Santiago weitflächig zersiedelt und flach bebaut. Aufällig ist der geringe Freiraum zwischen den kleinen Häusern und die hohen Zäune - teilweise auch um Erschließungsgassen. Eine Art "Gated Communities", die sich sich ähnlich wie in den USA auch bis in die untere Mittelschicht ausbreiten.


"Urban Sprawl". Typischer Anblick der zersiedelten Metropole Santiago außerhalb von Downtown - hier Pudahuel im Westen.


Zäune überall.

Fazit: Erkenntnisreicher Tag für den Planer in mir. Und ein befreiender Tag für den Büroknecht. Noch dazu bei Traumwetter, das sich hier so langsam einstellt (heute sonnig, 28°).

Ach so: Nächste Woche ist erstmal eine Woche Arbeitspause. Ich werde mit Sven gen Norden reisen - yeah! Und dann nochmal ne knappe Woche Arbeit. Und dann wieder frieren.

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99 Cent
Samstag, 15. Oktober 2005, 22:52 - Chile
Auch hier gibt es diese Ladenschilder mit den Spitzen-Aufschriften: "Alles für 1000 (Pesos)... und mehr" und rechts oben - auf dem Foto nicht mehr ganz lesbar - "one price". :-)




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Vamos al Pacífico
Mittwoch, 12. Oktober 2005, 06:18 - Chile
Mehrfach wurde ich nun schon gefragt, ob ich denn auch nach Valparaíso fahren würde oder dort schon war. Also bitte, fahr ich eben in das paradiesische Tal, um nun generös antworten zu können: klaro (ein Wort übrigens, das so gesprochen hier die selbige Bedeutung hat wie bei uns).


Busbahnhof in Pajaritos zu Santiago.

Am Sonntag bei bestem Wetter (Sonne, 25 Grad) und ohne 3-Wetter-Taft ging es per Bus, dem Fortbewegungsmittel Nummer 1 in Chile auch bei den ganz langen Strecken, gen Westen. Anderthalb Stunden dauert die Fahrt und kostet pro Nase und Richtung rund 5 Euro – und kaum näherten wir uns dem Ziel, war es auch schon wieder trüb und frisch. Badehose und kleines Schwesterlein mussten also auf ihr Vergnügen verzichten.

Von den Hängen, über die sich Valparaíso mit seinen rund 300.000 Einwohnern erstreckt, war wegen des Hochnebels wenig zu sehen. Die steilen Hänge sind an manchen Stellen durch die "Ascensores" (schräge Aufzüge, Standseilbahnen) erschlossen. Als paradiesisch kann man diese Stadt aber nicht (mehr?) ganz bezeichnen, zu verfallen sind die Häuser, auch einst mondäne Gebäude. Hier findet man einfache, arme Verhältnisse vor. Das vorherrschende Klischee der eher proletarischen Stadt kommt nicht von Ungefähr ist und dürfte durch den großen Hafen, eine Kernfunktion der Stadt, (mit-)geprägt sein. Für mich zum ersten Mal das Kontrastprogramm zum modernen Norden Santiagos.


Trödelmarkt in Valparaíso.


Nebel ist gut gegen Sicht und Farbenfreude.


Der Charme des Alten.


Ziemlich steil.


Wackeliges Vergnügen im Microbus nach Viña.

Und nun möchte ich – so als Geograph – auch einmal den Begriff des Agglomerationsraums erwähnen. Valparaíso belagert dieses Fleckchen Erde nämlich nicht allein, sondern ist von einer ebenso großen Stadt namens Viña del Mar (Weinberg am Meer) benachbart – einfach eine Bucht weiter. In einer Viertelstunde gelangt man mit einem der unzähligen „Microbuses“ für 350 Pesos (etwa 50 Cent) von Stadt zu Stadt. Viña del Mar ist komplett anders: sauber, lebhaft, hat einen Strand, touristischen Kitsch, keinen Hafen, relativ moderne Hochhäuser und ist für hiesige Verhältnisse eher reich.


Viña del Mar: eine Burg mit Fahne und landesübliches Gewächs im Vordergrund.


Klassischer Kutschenkitsch.


Eine Bucht im Pazifik mit einem Gebäude, in dem man hervorragend essen und Tiere des Landes, der Luft und des Wassers erspähen kann.


Strand in einer Stadt - auch bei mäßigem Wetter gut bevölkert.


Nicht im Bild die Salsa-Kapelle, die auf der gut frequentierten Seebrücke für musikalische Untermalung, nicht aber für Begeisterungsstürme sorgt.

Fazit: Sehr schöne Eindrücke. Valparaíso hat einen gewissen Charme, Viña mehr Komfort. Das Wetter könnte sonntags besser sein. So sehr viel gesehen (insbesondere im Hinblick auf Kultur) haben wir nicht – nicht nur wegen der schlechten Sicht ("Isch hab nisch viel Zeit."). Nichtsdestotrotz mal etwas chilenische Normalität gesehen. Ach ja: und einen im Pazifik schwimmenden Seehund. Oder war´s eine Robbe? Und Pelikane. Aber das fällt ja vielleicht auch alles unter chilenische Normalität.



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