6 Tage – 4300 km weit – 4300 m hoch oder: Der Norden im Schnelldurchlauf (Teil 1)
Freitag, 4. November 2005, 06:15 - Chile
Um ein bisschen Landschaft zu sehen und flexibel zu sein, haben wir es also bevorzugt, die großen Entfernungen mit eine Coche zurückzulegen. Es war also weniger Erholung als vielmehr das Aufsaugen einer Vielzahl von Eindrücken, die man in Europa nicht live erhält. Das ist auch der Grund, warum der Norden bei Europäern – im Gegensatz zu den Chilenen – recht populär ist. Meine folgenden Betrachtungen beschränken sich auf den Teil nördlich Santiagos.
Die Strecke
Den Großteil der Strecke haben wir auf der Panamericana – in Chile die Ruta 5 – zurückgelegt. Das ist die Nord-Süd-Verbindung im Westen durch ganz Lateinamerika. Sie führt teilweise im Küstenbereich entlang, im Norden aber eher im Landesinnern hinter der Küstenkordillere.
Zwischen Santiago und La Serena ist es eine (Maut-)Autobahn, ansonsten aber Landstraße. Vor allem im Bereich der Atacama-Wüste sind kerzengerade Strecken von 15 km keine Seltenheit – wobei bei der hier vorherrschenden Hitze alias Sonneneinstrahlung am Tage keine Kerze gerade bleiben würde, aber das nur am Rande.
Um nicht einschlafend in den Graben zu fahren, lenkt man sich mit Rekordemessen ab: 23 km ohne auch nur leichte Kurve war unsere Bestmarke. Am Straßenrand stehen sodenn auch sehr viele Kreuze/Gedenkstätten. Insgesamt wenig befahren, die Strecke.
Die Räume
Die Räume, die wir durchquert haben, lassen sich im Wesentlichen unterteilen in den zentralen Bereich um Santiago sowie die Atacama-Wüste.
Der zentrale Bereich, der sich nördlich von Santiago etwa bis La Serena erstreckt, ist durch leichte Vegetation, kleine Flecken Wald (Eukalyptus), Olivenhaine, etwas Wein, Berg und Tal gekennzeichnet.
Unspektukaluräres Foto, das nur bedingt zur ausreichenden Illustration der Gegend nördlich Santiagos geeignet ist. (Bessa wie ja nüscht)
Die Atacama-Wüste breitet sich über den gesamten Norden Chiles ungefähr ab La Serena aus, also ungefähr über 1800 km Länge und die volle Breite des Landes, im Norden etwa 300 km. Ewige Weite, Stein- und Geröllwüste, hohe Ebenen zwischen Küstenkordillere, Präkordillere und Andenkordillere, (ehemalige) Vulkane und einzelne Oasen.
Zwischen La Serena und Copiapó sieht es eher nach Halbwüste aus. Hier findet man spärliche Vegetation: Büschel, Kakteen und die angeblich nur alle Jubeljahre „blühende Wüste“. In diesem Bereich befinden sich auch diverse Observatorien auf Bergkuppen – Standortvorteil unentwegt klarer Himmel.
Ausnahmsweise mal Blüten. Die Blütequalität vermag wohl nur ein Atacama-Wüsten-Kenner beurteilen zu können. Die beiden Reisenden nahmen sich jedenfalls nicht die Zeit, die komplette Phase zu analysieren.
Nördlich Copiapó wird es richtig karg, eine besondere - für mich einfach nur atemberaubende - Wirkung erzeugt insbesondere das abendliche Licht. Reine Gesteinsformen, Kontrast. Und wenn sich hinter der Präkordilliere erst einmal die Vulkane aus dem Altiplano erheben, wird es vollends zum Flash.
Erfreuter Europäer in ungewohnter Umgebung (zwischen Calama und San Pedro de Atacama)
Mehr zum Norden Chiles und zu den Abenteuern in Sand und Wüste demnächst in diesem "Blog" - ähm, genau genommen nach meiner sehr nahen Rückkehr.
Hasta luego!
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Die Verkehrsrevolution in Santiago hat begonnen
Montag, 24. Oktober 2005, 23:55 - Santiago
Grund meiner Reise ist ja indirekt jenes riesige Vorhaben des Verkehrsministeriums: "Transantiago“. Dieses hat die Ordnung des chaotischen Busverkehrs in Santiago zum Ziel. In mehreren Stufen werden Linien zusammengefasst, Linienkonzessionen auf 10 Unternehmen konzentriert und Fahrzeuge ausgetauscht bzw. aus dem Verkehr gezogen. Hintergrund: Bislang gab es über 50 kleine Unternehmen und Einzelunternehmen, die zu großen Teilen parallel verkehrten und verkehren. Dies hat einen extrem harten Wettbewerb zur Folge, denn jeder Busfahrer versucht vor dem anderen an der Haltestelle zu sein, um sein Gehalt über die Fahrgeldeinnahmen einzutreiben. Daher die Raserei und Drängelei. Der bisherige Busverkehr trägt andererseits zu massiver Luftverschmutzung bei, die sich in dem schönen güldenen Schleier namens Smog darstellt, den man auf dem Foto im Kopf auch erkennen kann.
Nun ist es aber nicht so, dass die alten Busfahrer in den neuen, großen Busunternehmen ihre Arbeit fortsetzen (dürfen). In der Regel werden diese Fahrer nicht übernommen, weil sie „verdorben“ sind. Es gab natürlich Proteste seitens der „Gelben“ (das alte Busgewerbe), und die Fahrer der neuen Busse, die sich übrigens in geregelten Arbeitsverhältnissen mit niedrigerem Festgehalt befinden, befürchten von den noch fahrenden „Gelben“ attackiert zu werden.
Jedenfalls: In der Nacht zum Samstag (22.10.05) war der feierliche Start von Transantiago. Auf der nach Chiles großem Befreier Bernardo O'Higgins benannten „Alameda“ – sinngemäß: Hauptmagistrale – gab es ein großes Feuerwerk und natürlich eine Busparade. Großes Gedränge gab es um einen Platz in einem der ersten Busse der neuen Generation, begleitet von Applaus. Größer erschien jedoch der Jubel, als kurz darauf die alten „Gelben“ vorbeidüsten. Die Solidarität kommt vor allem vom linken Flügel, der die Verdrängung der „Gelben“ von den Straße und letztlich vom Arbeitsmarkt anprangert. Sicher eine schwierige Diskussion, die von politischer Seite zu verantworten ist.
Ansonsten: Unsere Arbeitspause hat sich etwas verzögert und verkürzt. Jetzt aber wirklich mit großer Wahrscheinlichkeit starten wir morgen Nachmittag. Dann geht es mit einer „Camioneta“, einem Pick-up also, die Panamericana entlang via La Serena und Antofagasta nach San Pedro de Atacama in die Wüste in den Anden. Montag sind wir zurück in Santiago.
Soweit, schöne Grüße in die Heimat.
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Raus aus dem Labor
Donnerstag, 20. Oktober 2005, 04:05 - Santiago
Damit Planung nicht in die Hose geht, muss Planer auch einmal die Realität kennenlernen. Also ging es für die Verkehrsplaner des neuen Busunternehmens heute mal raus in zwei Betriebhöfe am Stadtrand Santiagos, um vom praktischen Ablauf, den Beteiligten, der "menschlichen Seite" zu erfahren. (Für die technisch weniger Sensibilisierten: Betriebshöfe sind die Orte, an denen Busse rumstehen, wenn sie nicht durch die Gegend gefahren werden. In der Regel werden sie dort auch betankt, gereinigt, gewartet. Außerdem spielt sich dort so einiges Organisatorisches ab, claro que sí, aber es führe jetzt zu weit, weiter darüber zu erzählen - um ein bisschen mit den Worten zu spielen.)
Betriebshof Maipú: viele Busse, alle neu. In drei Tagen beginnt ihr Einsatz. "Transantiago" ist ihr Geburtshelfer.
An so einem Betriebshof erfährt man zum Beispiel die Sorgen oder Verärgerung der Busfahrer. Es spielt hier zum Beispiel eine große Rolle, dass sie des Nachts am Stadtrand nicht ewig lange Pausen haben, weil es ihnen zu gefährlich ist. (Bewachte) Pausenräume gibt es (noch) nicht. Chile gilt zwar als sicherstes Land in Lateinamerika, allenfalls Raub und Kleindelikte häufen sich in den Vororten der großen Städte - aufgrund steigender Kriminalitätsrate erhält das Thema Innere Sicherheit im beginnenden Wahlkampf um die Präsidentschaft aber wachsende Bedeutung. Ansonsten befindet sich das Land schon seit einigen Jahren stark im Aufwind, wobei sich das wohl zu einem (zu) großen Teil auf Santiago konzentriert.
Unser Team von ALSACIA/EXPRESS de Santiago. Macht Spaß mit ihnen. (Äh: An diesem Foto zeigt sich einerseits das Bemühen des Fotografen, das Motiv geschickt zu inszenieren, andererseits treten schwere handwerkliche Fehler zu Tage - Stichwort Füße.)
Außerhalb der Innenstadt ist Santiago weitflächig zersiedelt und flach bebaut. Aufällig ist der geringe Freiraum zwischen den kleinen Häusern und die hohen Zäune - teilweise auch um Erschließungsgassen. Eine Art "Gated Communities", die sich sich ähnlich wie in den USA auch bis in die untere Mittelschicht ausbreiten.
"Urban Sprawl". Typischer Anblick der zersiedelten Metropole Santiago außerhalb von Downtown - hier Pudahuel im Westen.
Zäune überall.
Fazit: Erkenntnisreicher Tag für den Planer in mir. Und ein befreiender Tag für den Büroknecht. Noch dazu bei Traumwetter, das sich hier so langsam einstellt (heute sonnig, 28°).
Ach so: Nächste Woche ist erstmal eine Woche Arbeitspause. Ich werde mit Sven gen Norden reisen - yeah! Und dann nochmal ne knappe Woche Arbeit. Und dann wieder frieren.
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