Santiago de Chile
Die Verkehrsrevolution in Santiago hat begonnen
Montag, 24. Oktober 2005, 23:55 - Santiago
Grund meiner Reise ist ja indirekt jenes riesige Vorhaben des Verkehrsministeriums: "Transantiago“. Dieses hat die Ordnung des chaotischen Busverkehrs in Santiago zum Ziel. In mehreren Stufen werden Linien zusammengefasst, Linienkonzessionen auf 10 Unternehmen konzentriert und Fahrzeuge ausgetauscht bzw. aus dem Verkehr gezogen. Hintergrund: Bislang gab es über 50 kleine Unternehmen und Einzelunternehmen, die zu großen Teilen parallel verkehrten und verkehren. Dies hat einen extrem harten Wettbewerb zur Folge, denn jeder Busfahrer versucht vor dem anderen an der Haltestelle zu sein, um sein Gehalt über die Fahrgeldeinnahmen einzutreiben. Daher die Raserei und Drängelei. Der bisherige Busverkehr trägt andererseits zu massiver Luftverschmutzung bei, die sich in dem schönen güldenen Schleier namens Smog darstellt, den man auf dem Foto im Kopf auch erkennen kann.



Nun ist es aber nicht so, dass die alten Busfahrer in den neuen, großen Busunternehmen ihre Arbeit fortsetzen (dürfen). In der Regel werden diese Fahrer nicht übernommen, weil sie „verdorben“ sind. Es gab natürlich Proteste seitens der „Gelben“ (das alte Busgewerbe), und die Fahrer der neuen Busse, die sich übrigens in geregelten Arbeitsverhältnissen mit niedrigerem Festgehalt befinden, befürchten von den noch fahrenden „Gelben“ attackiert zu werden.



Jedenfalls: In der Nacht zum Samstag (22.10.05) war der feierliche Start von Transantiago. Auf der nach Chiles großem Befreier Bernardo O'Higgins benannten „Alameda“ – sinngemäß: Hauptmagistrale – gab es ein großes Feuerwerk und natürlich eine Busparade. Großes Gedränge gab es um einen Platz in einem der ersten Busse der neuen Generation, begleitet von Applaus. Größer erschien jedoch der Jubel, als kurz darauf die alten „Gelben“ vorbeidüsten. Die Solidarität kommt vor allem vom linken Flügel, der die Verdrängung der „Gelben“ von den Straße und letztlich vom Arbeitsmarkt anprangert. Sicher eine schwierige Diskussion, die von politischer Seite zu verantworten ist.

Ansonsten: Unsere Arbeitspause hat sich etwas verzögert und verkürzt. Jetzt aber wirklich mit großer Wahrscheinlichkeit starten wir morgen Nachmittag. Dann geht es mit einer „Camioneta“, einem Pick-up also, die Panamericana entlang via La Serena und Antofagasta nach San Pedro de Atacama in die Wüste in den Anden. Montag sind wir zurück in Santiago.

Soweit, schöne Grüße in die Heimat.


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Raus aus dem Labor
Donnerstag, 20. Oktober 2005, 04:05 - Santiago
Damit Planung nicht in die Hose geht, muss Planer auch einmal die Realität kennenlernen. Also ging es für die Verkehrsplaner des neuen Busunternehmens heute mal raus in zwei Betriebhöfe am Stadtrand Santiagos, um vom praktischen Ablauf, den Beteiligten, der "menschlichen Seite" zu erfahren. (Für die technisch weniger Sensibilisierten: Betriebshöfe sind die Orte, an denen Busse rumstehen, wenn sie nicht durch die Gegend gefahren werden. In der Regel werden sie dort auch betankt, gereinigt, gewartet. Außerdem spielt sich dort so einiges Organisatorisches ab, claro que sí, aber es führe jetzt zu weit, weiter darüber zu erzählen - um ein bisschen mit den Worten zu spielen.)


Betriebshof Maipú: viele Busse, alle neu. In drei Tagen beginnt ihr Einsatz. "Transantiago" ist ihr Geburtshelfer.

An so einem Betriebshof erfährt man zum Beispiel die Sorgen oder Verärgerung der Busfahrer. Es spielt hier zum Beispiel eine große Rolle, dass sie des Nachts am Stadtrand nicht ewig lange Pausen haben, weil es ihnen zu gefährlich ist. (Bewachte) Pausenräume gibt es (noch) nicht. Chile gilt zwar als sicherstes Land in Lateinamerika, allenfalls Raub und Kleindelikte häufen sich in den Vororten der großen Städte - aufgrund steigender Kriminalitätsrate erhält das Thema Innere Sicherheit im beginnenden Wahlkampf um die Präsidentschaft aber wachsende Bedeutung. Ansonsten befindet sich das Land schon seit einigen Jahren stark im Aufwind, wobei sich das wohl zu einem (zu) großen Teil auf Santiago konzentriert.


Unser Team von ALSACIA/EXPRESS de Santiago. Macht Spaß mit ihnen. (Äh: An diesem Foto zeigt sich einerseits das Bemühen des Fotografen, das Motiv geschickt zu inszenieren, andererseits treten schwere handwerkliche Fehler zu Tage - Stichwort Füße.)

Außerhalb der Innenstadt ist Santiago weitflächig zersiedelt und flach bebaut. Aufällig ist der geringe Freiraum zwischen den kleinen Häusern und die hohen Zäune - teilweise auch um Erschließungsgassen. Eine Art "Gated Communities", die sich sich ähnlich wie in den USA auch bis in die untere Mittelschicht ausbreiten.


"Urban Sprawl". Typischer Anblick der zersiedelten Metropole Santiago außerhalb von Downtown - hier Pudahuel im Westen.


Zäune überall.

Fazit: Erkenntnisreicher Tag für den Planer in mir. Und ein befreiender Tag für den Büroknecht. Noch dazu bei Traumwetter, das sich hier so langsam einstellt (heute sonnig, 28°).

Ach so: Nächste Woche ist erstmal eine Woche Arbeitspause. Ich werde mit Sven gen Norden reisen - yeah! Und dann nochmal ne knappe Woche Arbeit. Und dann wieder frieren.

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Von La Moneda zum Cerro Santa Lucía
Donnerstag, 6. Oktober 2005, 06:26 - Santiago
Eine Woche hat es gedauert, bis ich mal die Zeit hatte, das Quartier zu verlassen. Das war Sonntag und bisher auch der einzige Tag dieser Art. Die Arbeit, die Arbeit...

Wegen des schlechten Wetters haben mein Kollege, Sven, und icke uns entschieden, in Santiago zu bleiben und uns das Zentrum anzuschauen. Erster Stop war der Palacio de la Moneda, der Präsidentenpalast. Die gleichnamige Metro-Station beeindruckt mit riesigen Gemälden (!) an den Wänden.



Der Präsidentenpalast fungiert heute noch als solcher, wenn auch nur noch zur Arbeit und nicht mehr zum Hausen. 1973 wurde La Moneda von den Putschisten um Pinochet angegriffen, um den Präsidenten Salvador Allende und sein Regime zu stürzen. An einem Gebäude um die davor liegenden Plaza de la Constitucíon erkennt man noch einige Spuren davon. Salvador Allende kam im Verlauf dieses Putsches ums Leben. Ihm zu Gedenken steht auch eine Statue von ihm neben dem Palast.


La Moneda. In der Ecke links unten ist ansatzweise das Denkmal von Allende zu sehen.

Eine Fußgängerzone gibt es sogar auch. Wenn man bedenkt, dass die Fußgängerampeln nur einmal kurz blinken, um sofort auf rot zu switchen, wodurch man zum schleunigsten Verlassen der Fahrbahn genötigt wird, weil einem sonst ein Bus mit 80 Sachen erfasst, und daraus die Wertigkeit des Fußgängerverkehrs ableitet, ist das schon beachtlich. (Genauso beachtlich wie dieser Satz.)

Das ursprüngliche Zentrum lateinamerikanischer Städte bildet immer ein zentraler Platz, hier die Plaza de las Armas, um den die Spanier eine Kathedrale, die Post, Bibliothek und rasterförmig Quartiere angeordnet haben. Eine der nicht unbedingt zahlreichen Sehenswürdigkeiten Santiagos. Nicht zahlreich wegen der häufigen Zerstörungen durch Erdbeben. Hier zeigt sich auch, dass die Bauweise eigentlich ziemlich flach ist. Nur im Geschäftsviertel im nördlichen Bereich gibt es die zahlreichen Hochhäuser. Wenn in denen gewohnt wird, ist das für hiesige Verhältnisse gehobene Mittelklasse, also nicht mit dem Märkischen Viertel vergleichbar.



Am Rande der Fußgängerzone befindet sich der Mercado Central, die zentrale Markthalle. Hier wird en masse frischer Fisch und Meeresfrüchte aus dem etwa 2 Stunden entfernten Pazifik sowie reichlich Obst/Gemüse aus der Umgebung gehandelt. An dieser Stelle sollte man erwähnen, dass Santiago in einer sehr fruchtbaren Gegend mit gutem Klima gegründet wurde. Das Treiben hier ist imposant, für Menschen mit empfindlichem Geruchssinn (in Richtung Fisch) vielleicht etwas "belastend". Die Chilenos stört das aber nicht, denn hier wird zum anderen großen Teil zu Mittag gegessen. Ich aß einen Fisch namens Wanda, äh, Reineta - dies erwähne ich, um Joe neidisch zu machen. ;-)



Vor der Kunstakademie steht nicht nur ein schönes Kunstobjekt, hier trifft sich auch - wie sollte es auch anders sein - die alternative Jugend.



Mitten in der Stadt und auch noch im fußläufigen Bereich befindet ein pittoreskes Kleinod - der Cerro Santa Lucía, ein Hügel, auf dem sich ein Kastell befindet.



Alles in allem: Städtebaulich nicht herausragend, aber sehr interessant. To be continued...



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