Santiago de Chile
6 Tage – 4300 km weit – 4300 m hoch oder: Der Norden im Schnelldurchlauf (Teil 2)
Sonntag, 20. November 2005, 02:37 - Chile
Besser spät als nie... mehr Reisebericht:

Die Orte


Meeresrauschen statt Verkehrslärm: Unser erster Stop (Los Vilos) und erste Unterkunft (Tongoy) liegen am Pazifik. Schnell wird deutlich, dass die kleinen Orte in Chile vielfach keine befestigten Straßen haben. Da hier gerade gar keine Urlaubs-Saison ist, waren wir die einzigen Gäste im „Yachtclub“ auf der hübschen, touristischen Halbinsel Tongoy. So nobel, wie sich das anhört, war es aber mitnichten.


Frühstück im Yachting Club zu Tongoy.

Durch La Serena, eine der größeren Städte in Chile und an der Küste gelegen, sind wir nur durchgefahren, auch wenn irgendein Staatspräsident die Stadt im 20. Jahrhundert wieder im Kolonialstil aufbauen ließ, obwohl sie gar nicht mehr in dieser Form existierte. Über das Hinterland ging es weiter.


Eine Spur Zivilisation an der Wüste - Incahuasi.

Die nächste größere Stadt gen Norden ist Copiapó, die durch Kupferbergbau und Weinanbau gekennzeichnet ist. Zwischen Copiapó und der Küste (etwa 70 km) erstreckt sich einen riesiges Dünenfeld. Der Sand bedeckt auch bis zu 1000 m hohe Berge.


Wein und Dünen vor den Toren von Copiapó.

An dessen Ende liegt der schöne und durch Tourismus auffällig entwickelte Küstenort Caldera. Ganz in der Nähe finden sich weite Strände, u.a. die Playa Ramada. Vielleicht geht der Name auf die hier wohl typische Besiedlung durch Menschen arabischer Herkunft zurück.


Gut für Urlaub: Caldera.

Das Zentrum im Norden ist die Küstenstadt Antofagasta (300.000 Einwohner), die – zwar von Chilenen gegründet – bis zum Salpeterkrieg (~1880) zu Bolivien gehörte und für dieses einst den wichtigen Zugang zum Meer bot. Heute profitiert Chile von den reichhaltigen Bodenschätzen im Norden und diesem wichtigen Umschlagpunkt für die Rohstoffe, die Chiles Wachstumsmotor sind: Kupfer, Lithium, Jod. Seit Allende ist diese Produktion übrigens staatlich, aber auch in Chile wird mittlerweile überlegt, das „Tafelsilber“ zu privatisieren. Auch inspiriert durch die Mondlandschaft, die wir noch im Hellen sahen, stellte sich eine gar unheimliche Science-Fiction-Atmosphäre ein, als wir in finsterster Nacht mit deutlichstem Sternenhimmel die Werke vor der Stadt leuchten und qualmen sahen. Zwischen diesen und Antofagasta liegt noch die Küstenkordillere.


Science-fiction vor Antofagasta (bei Tag).

Dass Antofagasta durch diese Bodenschätze floriert, spürt man an so manchen Stellen – sei es in der modernen bzw. modernisierten Innenstadt und vielen Neubauquartieren an den gleich hinter der Küstenlinie aufsteigenden Hängen. Nichtsdestotrotz auch hier die starken Gegensätze zwischen armer und reicher Bausubstanz.
Was die Araber von Copiapó & Co. sind, sind in Antogfagasta die Kroaten, übrigens eher wohlhabend. Von hier sollen auch Waffenlieferungen für den Balkan-Krieg ausgegangen sein.







Auf dem Weg zu den Vulkanen in nordöstlicher Richtung kommt man durch Baquedano und Sierra Gorda, relativ lebhafte Straßendörfer, sowie an zahlreichen ehemaligen Salpeterstädten vorbei. Nach dem großen Salpeter-Boom seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist diese Industrie aufgrund einer neuen Technologie zur Gewinnung adäquater Stoffe (Dünger und Sprengstoff), dem Haber-Bosch-Verfahren (Ammoniak), seit Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengebrochen und hat verwaiste Städte in der Wüste hinterlassen. Eine der letzten betriebenen intakten Salpeterstädte, die Officina Chacabuco, wurde von Pinchets Regime als Konzentrationslager für über 3000 Oppositionelle umfunktioniert, in dem es auch zu Folterungen und Mord gekommen ist. Die Zufahrt zu diesem Ort ist leicht zu verpassen – wir haben das geschafft.


Ehemalige Salpeterstadt Pampa Union.

Kupfer hat das „weiße Gold“ Salpeter ersetzt – und so findet sich in dieser Gegend mit Calama (110 000 Einwohner) eine bedeutende Bergbaustadt. Gleich daneben liegt die Kupfermine Chucicamate, eines der größten Löcher der Erde. Calama ist durch die Umsiedlung vieler Bergleute aus Chucicamate wegen zu großer gesundheitlicher Belastung massiv gewachsen. Vor reichlich 10 Jahren schien es noch ein Dorf von 10 000 Einwohnern zu sein; heute finden sich hier große Neubausiedlungen in eng bebauten Reihenhausstil. Eine Form, die der in den anderen Landesteilen (Antofagasta, Santiago, etc.) gleicht.


Das neue Calama.

Ein richtiges Kleinod in der Atacama-Wüste ist die Oase San Pedro de Atacama - gelegen auf rund 2500 m am Rande des riesigen, 3000 km² großen Salar de Atacma, an dessen östlichem Rand sich das Altiplano mit den zahlreichen (ehemaligen) Vulkanen erhebt. Der Ort ist durch und durch touristisch, macht aber immer noch einen sehr ursprünglichen Eindruck. Bleibt zu hoffen, dass es so bleibt. Typisch hier die Lehmhütten, die meist einen offenen Hof haben, in dem abends bei Lagerfeuer zusammengesessen wird. Viele Aussteiger haben sich hierher zurückgezogen, schon ziemlich hippie-mäßig hier.







Mangels weiterer Orte eignet sich San Pedro schlicht auch als Ausgangspunkt für die landschaftlichen Höhepunkte in dieser Gegend – und dazu komme ich demnächst in Teil 3.

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6 Tage – 4300 km weit – 4300 m hoch oder: Der Norden im Schnelldurchlauf (Teil 1)
Freitag, 4. November 2005, 06:15 - Chile
Um ein bisschen Landschaft zu sehen und flexibel zu sein, haben wir es also bevorzugt, die großen Entfernungen mit eine Coche zurückzulegen. Es war also weniger Erholung als vielmehr das Aufsaugen einer Vielzahl von Eindrücken, die man in Europa nicht live erhält. Das ist auch der Grund, warum der Norden bei Europäern – im Gegensatz zu den Chilenen – recht populär ist. Meine folgenden Betrachtungen beschränken sich auf den Teil nördlich Santiagos.

Die Strecke


Den Großteil der Strecke haben wir auf der Panamericana – in Chile die Ruta 5 – zurückgelegt. Das ist die Nord-Süd-Verbindung im Westen durch ganz Lateinamerika. Sie führt teilweise im Küstenbereich entlang, im Norden aber eher im Landesinnern hinter der Küstenkordillere.



Zwischen Santiago und La Serena ist es eine (Maut-)Autobahn, ansonsten aber Landstraße. Vor allem im Bereich der Atacama-Wüste sind kerzengerade Strecken von 15 km keine Seltenheit – wobei bei der hier vorherrschenden Hitze alias Sonneneinstrahlung am Tage keine Kerze gerade bleiben würde, aber das nur am Rande.





Um nicht einschlafend in den Graben zu fahren, lenkt man sich mit Rekordemessen ab: 23 km ohne auch nur leichte Kurve war unsere Bestmarke. Am Straßenrand stehen sodenn auch sehr viele Kreuze/Gedenkstätten. Insgesamt wenig befahren, die Strecke.



Die Räume


Die Räume, die wir durchquert haben, lassen sich im Wesentlichen unterteilen in den zentralen Bereich um Santiago sowie die Atacama-Wüste.

Der zentrale Bereich, der sich nördlich von Santiago etwa bis La Serena erstreckt, ist durch leichte Vegetation, kleine Flecken Wald (Eukalyptus), Olivenhaine, etwas Wein, Berg und Tal gekennzeichnet.


Unspektukaluräres Foto, das nur bedingt zur ausreichenden Illustration der Gegend nördlich Santiagos geeignet ist. (Bessa wie ja nüscht)

Die Atacama-Wüste breitet sich über den gesamten Norden Chiles ungefähr ab La Serena aus, also ungefähr über 1800 km Länge und die volle Breite des Landes, im Norden etwa 300 km. Ewige Weite, Stein- und Geröllwüste, hohe Ebenen zwischen Küstenkordillere, Präkordillere und Andenkordillere, (ehemalige) Vulkane und einzelne Oasen.

Zwischen La Serena und Copiapó sieht es eher nach Halbwüste aus. Hier findet man spärliche Vegetation: Büschel, Kakteen und die angeblich nur alle Jubeljahre „blühende Wüste“. In diesem Bereich befinden sich auch diverse Observatorien auf Bergkuppen – Standortvorteil unentwegt klarer Himmel.


Ausnahmsweise mal Blüten. Die Blütequalität vermag wohl nur ein Atacama-Wüsten-Kenner beurteilen zu können. Die beiden Reisenden nahmen sich jedenfalls nicht die Zeit, die komplette Phase zu analysieren.

Nördlich Copiapó wird es richtig karg, eine besondere - für mich einfach nur atemberaubende - Wirkung erzeugt insbesondere das abendliche Licht. Reine Gesteinsformen, Kontrast. Und wenn sich hinter der Präkordilliere erst einmal die Vulkane aus dem Altiplano erheben, wird es vollends zum Flash.


Erfreuter Europäer in ungewohnter Umgebung (zwischen Calama und San Pedro de Atacama)

Mehr zum Norden Chiles und zu den Abenteuern in Sand und Wüste demnächst in diesem "Blog" - ähm, genau genommen nach meiner sehr nahen Rückkehr.

Hasta luego!

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Die Verkehrsrevolution in Santiago hat begonnen
Montag, 24. Oktober 2005, 23:55 - Santiago
Grund meiner Reise ist ja indirekt jenes riesige Vorhaben des Verkehrsministeriums: "Transantiago“. Dieses hat die Ordnung des chaotischen Busverkehrs in Santiago zum Ziel. In mehreren Stufen werden Linien zusammengefasst, Linienkonzessionen auf 10 Unternehmen konzentriert und Fahrzeuge ausgetauscht bzw. aus dem Verkehr gezogen. Hintergrund: Bislang gab es über 50 kleine Unternehmen und Einzelunternehmen, die zu großen Teilen parallel verkehrten und verkehren. Dies hat einen extrem harten Wettbewerb zur Folge, denn jeder Busfahrer versucht vor dem anderen an der Haltestelle zu sein, um sein Gehalt über die Fahrgeldeinnahmen einzutreiben. Daher die Raserei und Drängelei. Der bisherige Busverkehr trägt andererseits zu massiver Luftverschmutzung bei, die sich in dem schönen güldenen Schleier namens Smog darstellt, den man auf dem Foto im Kopf auch erkennen kann.



Nun ist es aber nicht so, dass die alten Busfahrer in den neuen, großen Busunternehmen ihre Arbeit fortsetzen (dürfen). In der Regel werden diese Fahrer nicht übernommen, weil sie „verdorben“ sind. Es gab natürlich Proteste seitens der „Gelben“ (das alte Busgewerbe), und die Fahrer der neuen Busse, die sich übrigens in geregelten Arbeitsverhältnissen mit niedrigerem Festgehalt befinden, befürchten von den noch fahrenden „Gelben“ attackiert zu werden.



Jedenfalls: In der Nacht zum Samstag (22.10.05) war der feierliche Start von Transantiago. Auf der nach Chiles großem Befreier Bernardo O'Higgins benannten „Alameda“ – sinngemäß: Hauptmagistrale – gab es ein großes Feuerwerk und natürlich eine Busparade. Großes Gedränge gab es um einen Platz in einem der ersten Busse der neuen Generation, begleitet von Applaus. Größer erschien jedoch der Jubel, als kurz darauf die alten „Gelben“ vorbeidüsten. Die Solidarität kommt vor allem vom linken Flügel, der die Verdrängung der „Gelben“ von den Straße und letztlich vom Arbeitsmarkt anprangert. Sicher eine schwierige Diskussion, die von politischer Seite zu verantworten ist.

Ansonsten: Unsere Arbeitspause hat sich etwas verzögert und verkürzt. Jetzt aber wirklich mit großer Wahrscheinlichkeit starten wir morgen Nachmittag. Dann geht es mit einer „Camioneta“, einem Pick-up also, die Panamericana entlang via La Serena und Antofagasta nach San Pedro de Atacama in die Wüste in den Anden. Montag sind wir zurück in Santiago.

Soweit, schöne Grüße in die Heimat.


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